Autobahn-Wildbahn-Kampfbahn 
"Blitzschnell auf der Bahn entlang zu rasen ist halt einfach ein geiles Gefühl", wiehert der Ford Mustang protzig und rot-metallic glänzend seinem Parkplatz -Nachbarn zu. Dieser, ein graupelziger Volkswagen Käfer der 60er Jahre, nickt lebensweise und brummt leise: "Wieder so einer, dessen Fahrer nicht unter 80km/h innerorts und 180 km/h auf der Autobahn leben kann.". Zum aufgeblähten Mustang lugend denkt er für sich: " Wie der Herr, so sein Gescherr, du Großmaul." und er fragt listig: " Sag mal, weißt du eigentlich, daß die Sozialintelligenz deines Besitzers nicht sonderlich hoch ist. Findest du diese behauptete Überlegenheit, dieses egozentrische Streben nach Erfolg per Gasfuß und das ständige Rechtfertigen seines ignorant-rücksichtslosen Verhaltens nicht auch etwas pubertär? Und dazu noch diese vorwurfsgeladenen Aggressionen, immer begründet mit dem Argument, seine individuelles Fahrverhalten werde behindert. Einfach lächerlich, dieses infantile Geplapper! " Bei den kecken Worten seines ehrwürdigen Nachbarn war dem roten Prachtburschen die Luft aus seinen sechszylindrigen Brustkorb gewichen und er ist sichtlich in sich zusammengesunken. Jedoch benutzt er dieses Mal seine 250 PS, um zu denken. Nach längerer Grübelpause braust er voller Selbstvertrauen los: " Aber dein Langsamfahrer ist auch nicht gerade zahm. Er tut schon gut daran, wenn er die Schnellbahn uns Könnern überläßt. Und die wilden Haßentgleisungen deines Durchschnittspapis gegenüber uns Spaßflitzern passen so gar nicht zu seinen Vernunftsargumenten wie Umweltschutz, Energieeinsparung, Rücksicht auf die Familie und vorbildliches Sozialverhalten. Ein bißchen mehr Schnittigkeit würde diesem couch potato sicherlich auch gut stehen !"
Das Spiel von Pro und Kontra ist entbrannt und die beiden erhitzen sich über ihre Argumente. Das Wortgefecht charakterisiert treffend die Realität zum Thema Geschwindigkeit, Aggression und Rivalität auf deutschen Straßen. Nach einer Studie vom TÜV Rheinland treten in fast kriegerischer Manier die Kontrahenten Schnell und Langsam, Erfolgreich und Erfolglos, Junge und Alte, Männer und Frauen gegeneinander an. Die Vielfalt der Argumente ist immens. Geschwindigkeit erlebt der Speedjunkie als Ausdruck von bürgerlicher Freiheit, ja als legales Rauscherlebnis in quasi-rechtsfreier Wild-Bahn. Geschwindigkeitslimits stellen nach subjektiver Einschätzung massive Persönlichkeitseinschränkungen dar. Den Langsamfahrer kontaktiert man gerne stoßstangenah von hinten, um das Recht auf Platz zu beanspruchen. Das Angstempfinden dieser Fahrer rangiert auf diesen Kampf-Bahnen im adrenalingepushten Bereich. Das ganze Dilemma der unterschiedlichen Fahrermentalitäten drückt sich in der durchschnittlichen Differenz der Höchstgeschwindigkeit von Langsam- und Schnellfahrer aus: nämlich satte 65 Stundenkilometer. Die Crux liegt in unserer pluralistischen Gesellschaftsform, die Raum im Straßenverkehr bietet, unterschiedliches Verhalten ausleben zu dürfen, auch wenn dies Aggression und Kampf mit sich bringt.
Dem TÜV Rheinland erscheint deshalb "eine feste Höchstgeschwindigkeit auf der Autobahn als ein Mittel, für mehr Gleichmässigkeit im Verhalten zu sorgen". Er plädiert dafür, den "Kampfplatz Autobahn durch ein Tempolimit zu entschärfen. Dann würde aus der wilden Galopprennbahn für ungezügelte Heißblüter eine nette Trabstrecke für alle. Der Ford Mustang könnte dann seinen Kontroversenstreit mit dem betagten Käfer dort weiterführen. Und alles das, während sie gemütlich und ökoverträglich gemeinsam nach München traben. 
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